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Der Tagesspiegel

Wilde Tänze, sirrende Pfeile

23. März 2013

Halbzeit der Berliner Märzmusik: eine anatolische Reise und Großwerke aus
den sechziger Jahren.

Eine „anatolische Reise“ führt in das den musikalischen Umbrüchen im türkisch- arabischen Mittelmeerraum gewidmete Thema der Märzmusik. Unter dem Titel „Hasretim“ („Meine Sehnsucht“) zeigt sie sich als „musikalische Installation“ des türkisch-armenisch-deutschen Komponisten Marc Sinan, in deren Orchesterpart Videodokumentationen anatolischer Volksmusiker eingespielt werden. Zunächst erscheinen Ebenen mit schroffen Bergrändern in der Dämmerung, zum Krächzen vorüberflatternder Krähen, wie kein Reiseprospekt dies schöner vermöchte. Die Bühne des Kammermusiksaals füllt dazu ein eindrucksvoller Halbkreis blinkender Posaunen und Klarinetten, hochaufragender Langhalslauten und wuchtiger Trommeln: Unter der temperamentvollen Leitung von Andrea Molino findet das um türkische und armenische Gäste erweiterte Istanbuler Hezarfen-Ensemble mit Mitgliedern der Dresdner Sinfoniker zusammen. Dabei dominiert die musikalische Folklore: Die Melismen der armenischen Flöte Duduk mit durchdringendem Schalmeienklang, die Rhythmen von Darbuka und Rahmentrommel übertönen zaghafte Streicherpizzikati oder selbst Posaunen- oder Fagott-Einwürfe. Ein wenig „Eulen nach Berlin tragen“ ist das schon – auf jedem Kreuzberger Straßenfest hört man diesen Klang, und nur an fragmentarischen Zersplitterungen ist auszumachen, dass hier „modern“ weiterkomponiert wurde. Spannender wirken die Videos – die zerklüfteten, tief melancholischen Gesichter der lautenspielenden Sänger oder wilde Tänze höchst vitaler Mädchengruppen ohne jeden Schleier.

Isabel Herzfeld

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