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Süddeutsche Zeitung

Und alle aus der Teestube kamen zum Konzert

1. Juni 2013

Musik ist Politik: Dresdner Sinfoniker in Ramallah

Der Kulturpalast von Ramallah ist ein bulliger Bau mit 800 plüschigen Plätzen, und wer hier auftreten will, der muss erst einmal an den beiden Säulenheiligen des palästinensischen Kampfes vorbei. Die Porträts des Präsidenten-Duos Jassir Arafat selig und Mahmud Abbas zieren das marmorne Foyer, die Kultur steht wie alles andere unter dem Patronat der Politik, doch an diesem Abend soll dazu kein einziges Wort gesagt werden. Keine Ansprache, keine Einführung, keine klitzekleine Grußbotschaft des Fatah-Ministers. Die Musik soll für sich selber sprechen – und auf den ersten Blick geht das auch ohne Worte, wenn eine „Symphony for Palestine“ gegeben wird. Klingt nach einer gradlinigen Solidaritätsaktion der angereisten Dresdner Sinfoniker. Doch als am Ende der Applaus verebbt und die Bühne geräumt ist, steht deren Produzent Ben Deiß sichtlich erleichtert im Innenhof und spricht vom „glücklichen Ende einer dreijährigen Achterbahnfahrt“.

Tatsächlich sind die Wege, die nun 20 Streicher samt Begleittross aus dem deutschen Osten in den Nahen Osten geführt haben, nicht nur weit gewesen und verschlungen, sondern auch voller Fallen. Wer eine Palästina-Symphonie, komponiert obendrein von einem Iraner, von Sachsen ins Westjordanland bringt, der muss Mut haben oder zumindest reichlich Übermut. Grenzüberschreitungen mögen die Dresdner Sinfoniker gewohnt sein. Schließlich haben sie schon mit den Pet Shop Boys einen neuen Soundtrack zum Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ aufgenommen und die Hammer-Rocker von Rammstein interpretiert, wofür sie einen „Echo Klassik“ bekamen. Doch all das zählt wenig, wenn man sich plötzlich im nahöstlichen Minenfeld bewegt. Eine „Symphony for Palestine“: Geht das? Darf das ein deutsches Orchester? Was sagt Israel dazu? Solche Fragen müssen nicht einmal laut ausgesprochen werden, um von Beginn an ständig dissonant mitzuschwingen. Ein Wunder ist es deshalb schon fast, dass es trotzdem geklappt hat – und das mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes, die das Projekt mit 190 000 Euro gefördert hat. „Risiko-Kapital“ nennt das die Stiftungssprecherin Friederike Tappe-Hornbostel, die auch darauf verweist, dass schon insgesamt 20 Israel- Projekte mit mehr als zwei Millionen Euro gefördert worden seien. Natürlich ist bei einer solchen Konzertreise vorab viel von der „Völker verbindenden Kraft der Musik“ die Rede gewesen, von der „universellen Sprache, die alle Grenzen überwinden kann“.

Doch vor Ort klingt das bei den Verantwortlichen angenehm nüchterner. „Zunächst einmal geht es um Kunst“, sagt Markus Rindt, der Intendant der Dresdner Sinfoniker. „Wir haben als Orchester keine politische Agenda“, ergänzt Deiß, „wir wollen hier sehr gute Musik mit sehr guten Musikern aufführen.“ Den goldenen Bogen schlägt schließlich der italienische Dirigent Andrea Molino, der befindet: „Musik ist Politik – in dem Sinne, dass sie etwas mit Gesellschaft zu tun hat.“ Doch er warnt energisch vor einem „overdrive“, denn das „verkleinere das künstlerische Werk“. Das Werk des in den USA lebenden iranischen Komponisten Kayhan Kalhor ist eine mal sehr sanfte, mal mitreißend-kraft-volle Fusion aus traditionellen persischen Melodien, arabischer Volksmusik und dem Klang eines europäischen Streichorchesters. Ursprünglich in Auftrag gegeben worden war dies als Filmmusik für den Dokumentarstreifen „Cinema Jenin“, in dem der deutsche Regisseur Marcus Vetter über sein eigenes Kinoprojekt in der palästinensischen Peripherie berichtet. Doch Bilder und Töne wollten am Ende nicht zusammenpassen, weshalb ein neuer Sinn und Titel für das fertige Musikwerk gesucht wurden. Die gut meinenden Deutschen kamen schnell auf „Symphony for Peace“, aber die palästinensischen Partner haben sich sogleich mit Grausen abgewandt. Nach 20 Jahren der nahöstlichen Friedensprozess-Huberei nämlich ist das abgenutzte „Peace“-Label für die Palästinenser gewiss kein Grund mehr, in die Konzertsäle zu strömen. Außerdem sitzt in diesem Marktsegment bereits recht breit Daniel Barenboim mit seinem West-Östlichen Divan-Orchester. Der Lösungsvorschlag „Symphony for Palestine“ erschien allerdings am Anfang auch deutlich zu plakativ. Doch dann fragte Deiß ganz basisdemokratisch in einer palästinensischen Teestube nach diesem Titel – und alle versprachen zum Konzert zu kommen.

Von einer „pragmatischen Entscheidung“ spricht er deshalb heute. Die Widrigkeiten waren damit allerdings noch längst nicht am Ende, denn die im Spätsommer 2011 geplante Uraufführung in Jenin musste aus Sicherheitsgründen verschoben werden, weil dort kurz zuvor der Theatermacher Juliano Mer-Khamis ermordet worden war – vermutlich von radialen Kräften unter den Palästinensern, denen jeglicher westliche Kultureinfluss ein Gräuel ist. Den Wind solchen Widerstands bekommen die Dresdner Sinfoniker auch noch auf ihrer nun nachgeholten Palästina-Tour tagtäglich zu spüren. „Verdächtigungen und Gerüchte gibt es die ganze Zeit“, berichtet der Intendant Rindt. „Ständig werden wir gefragt, ob wir auch wirklich nicht in Tel Aviv spielen, und irgendwann sagte einer, ich habe gehört, ihr habt einen israelischen Soldaten im Team.“ Willkommen also zwischen den Fronten des Nahost-Konflikts, willkommen im Kulturpalast von Ramallah. Am Morgen war Ben Deiß noch zu Werbezwecken im palästinensischen Frühstücksfernsehen aufgetreten. „Ganz entspannt“ sei das gewesen, meint er, „aber ich habe von vornherein gesagt, dass ich mir politische Fragen verbitte.“ Den ganzen Tag über hatten sie Wetten abgeschlossen, wie viele Leute zu diesem Konzert mit freiem Eintritt kommen würden. Doch zum geplanten Beginn um 19 Uhr 30 sind nur die wenigsten Plätze besetzt, und selbst der Popcorn-Verkäufer im Foyer macht ein langes Gesicht. Das Warten aber lohnt sich, um acht ist die Halle schon fast zu zwei Dritteln gefüllt, die Kinder falten Papierflieger aus den Programmzetteln und die anderen zeigen mit dem ersten Applaus, dass die Zuschauer nun bereit wären fürs Konzert. Für palästinensische Ohren ist die Symphonie leicht zugänglich, die Faszination liegt in der Fusion, und als erstes Indiz für den Erfolg kann gelten, dass nur ganz selten zwischendurch ein Handy klingelt. Das Publikum genießt die Musik und dankt es dem Orchester stehend mit langanhaltendem Applaus.

„Ich habe zum ersten Mal ein solches Orchester in Palästina gesehen, es hat mir sehr gut gefallen“, urteilt hinterher Muhannad Ismail. Als Assistenz-Professor an der Bir-Zeit-Universität nahe Ramallah stellt er sich vor, er hat seine Frau ausgeführt zum Konzert. „Sie mag diese Art von Spektakel“, sagt er, und die Gattin ergänzt, dass es hier „nicht viel anderes zu tun gibt an den Abenden und am Wochenende. Ich hoffe, dass in Zukunft noch mehr Orchester kommen.“ Eben dies war auch eines der Ziele, die der Produzent Ben Deiß vorab formuliert hatte. Die Dresdner Sinfoniker wollten „ein Beispiel geben für andere Orchester“, im Westjordanland zu spielen. Sie selbst werden nach insgesamt drei Konzerten in Ramallah, Ost-Jerusalem und Jenin nächste Woche nach Deutschland zurückkehren. Doch ein neuer Auftrittsort für die „Symphonie for Palestine“ wurde bereits ins Auge gefasst: Iran. Das Teheraner Kultusministerium habe bereits die Finanzierung angeboten, heißt es. „Wir haben das abgelehnt“, sagt Deiß. Es bleibt also alles hochpolitisch. Dabei geht es doch eigentlich nur um die Musik.

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