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DRÜBEN

Eine deutsche Zeitreise

DRÜBEN
Eine deutsche Zeitreise

Mit einem besonderen Konzert richteten die Dresdner Sinfoniker am 3. Oktober 2022  ihren Blick auf die deutsche Wiedervereinigung vor über 30 Jahren und ließen ihr Publikum hautnah spüren, was es hieß, getrennt zu sein und sich wieder zu begegnen. Gleich beim Einlass wurde es ernst: Die Ankommenden wurden zufällig getrennt. In Ost und West geteilt wurde aber nicht nur das Publikum, sondern der gesamte Konzertsaal des Kulturpalasts. „DDR-Bürger“ und „Westdeutsche“ erhielten Einlass zum Saal ausschließlich auf der östlichen oder westlichen Seite. Mittig durch sämtliche Zuschauerreihen und das Orchester verlief eine Schneise, ein Grenzstreifen mit Mauer zwischen den beiden Blöcken in Ost und West. Auf einem Wachturm über der Mauer bezog der Dirigent Jonathan Stockhammer seine Position, um von dort aus das geteilte Orchester zu leiten. Während die Besucher noch ihren Platz suchten, begann vorne das Programm. Projizierte, schnell geschnittene Fernsehbilder, Werbeclips der 60er bis 70er Jahre auf zwei großen Leinwänden zeigten das Leben, die Träume und Versprechungen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.

Das Stück „Utopian Melodies (yelling at me!)“, ein Werk des Münchner Komponisten Markus Lehmann-Horn, eröffnete den Abend. Lehmann-Horn schreibt über seine Auftragskomposition: „Dieses Werk wurde komponiert in Gedanken an gefallene (oder doch nicht gefallene) Mauern — zwischen uns als Einzelpersonen, innerhalb der deutschen Bevölkerung, oder zwischen Nationalstaaten. Daher wird reichlich Tonmaterial aus verschiedenen Hymnen und Liedern zitiert oder als Allusion „benutzt“, so wie auch Nationalhymnen Musik „benutzen”, um Identität oder Ideologie — letzteres immer häufiger— zum Ausdruck zu bringen. Gegen Ende des Werks „fiel“ die Mauer, die bis dahin das gesamte Orchester teilte – musikalisch und ganz real.

Ohne räumliche Trennung in Publikum und Orchester folgte nach der Konzertpause eine Uraufführung der britischen Komponistin Charlotte Bray. Sie weitete in ihrer Musik die Perspektive über die rein deutsche Sicht hinaus und transportiert eigene biografische Momente. Bray schreibt über ihr Werk „Landmark“, auch eine Auftragskomposition für diesen Abend: „Der Zusammenschluss von Ost- und Westdeutschland im Jahr 1990 ist ein monumentaler Moment. “Die Wiedervereinigung steht für Hoffnung, selbst unter den widrigsten Umständen”, so Horst Köhler (Bundespräsident von 2004 bis 2010) und fügte hinzu: “…das Undenkbare kann geschehen”. Diese unglaubliche Leistung sollte trotz der unruhigen Zeiten, die unsere Welt derzeit durchlebt, gebührend gefeiert werden”.

Am Schluss des Konzerts schließlich stand als Kontrast das Konzert für Klavier und Bläser von Igor Strawinsky. Deutlich verweist er in dem 1923/24 in Paris entstandenen Werk auf barocke Formen, verbindet diese aber mit komplexen Rhythmen und rasend-schnellen Jazzpassagen, über die er große Melodiebögen spannt. Das Ergebnis ist ein farbiges Meisterwerk von virtuoser Leichtigkeit und wurde gespielt vom Konzertpianisten Andreas Boyde.

Mit ihrem Konzert am 3. Oktober gedachten die Dresdner Sinfoniker der Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Krieges, lenkten aber auch den Blick auf die Gegenwart, in der neue Konflikte aufbrechen.

Eine Kooperation der Dresdner Sinfoniker und der Dresdner Philharmonie. Das Projekt wird von der Stiftung Kunst und Musik für Dresden und im Sonderprogramm „Kulturland 2022. Sachsen als Bühne“ gefördert.

Im Rahmen von: Bleibt neugierig. Kulturstadt Dresden 2022 – ein Programm von:

Termin

03. Oktober 2022 | 18:00 Uhr | Dresden
Kulturpalast Dresden
Konzert zum Tag der Deutschen Einheit

Programm

Duo Mimikri Checkpoint
Grenzer: Elias Elastisch & Nicolas Rocher
Grenzschranke: Elsa Will

Ost-/West-Fernsehprogramm

Franziska Abram, Cornelius Uhle Hüben & Drüben
Arrangement: Wieland Reissmann

Markus Lehmann-Horn Utopian Melodies – yelling at Me!
Uraufführung

Thomas Förster Gedanken zum Mauerfall

Sophie Hauenherm, Katja Erfurth Tanzszene

Charlotte Bray Landmark
Uraufführung

Sabine Christian, Norman Sass Die Mauern in unseren Köpfen

Igor Strawinsky Konzert für Klavier und Blasorchester
Andreas Boyde Klavier

Jonathan Stockhammer Musikalische Leitung
Dresdner Sinfoniker

Regie: Tom Quaas  |  Künstlerische Leitung: Markus Rindt
Mauer: Theaterklasse des Vitzthum-Gymnasiums Dresden
Mauer-Choreografie: David Espinosa Angel
Fernsehprogramm: Anne Müller, Markus Rindt, Ben Deiß

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